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Kultur
28.10.2021

"Der Taubenmann ist mein Freund geworden."

Journalist Thomas Riesen (links im Bild) und das Inspirationsbild für seine Geschichte.
Vor kurzem hat der Appenzeller Journalist Thomas Riesen seine erste Erzählung mit dem Titel «Der Taubenmann» veröffentlicht. Die Geschichte schaut zurück auf ein Leben voller Schmerz, der versucht seinen Platz im Leben zu finden. Was den Wortkünstler zu dieser Geschichte inspiriert hat, was er sonst noch in Petto hat und vieles mehr, ist hier zu lesen. An der Vorstellung des Buches am Freitag, 12. November 2021, im Figurentheatermuseum in Herisau ist auch darüber zu hören. Dort wird Gastgeber Kurt Fröhlich aus der Novelle vorlesen.

"Es war, als würde ich einen guten Bekannten oder einen Freund begrüssen würde", erinnert sich Thomas Riesen zurück an den Moment, als er das erste Mal seine gedruckte Kurzgeschichte in der Hand hielt. "Im Verlauf vom Schreiben und Arbeiten an der Geschichte ist mir der Charakter der Person vertraut geworden und man kann sagen, ich habe ihn schätzen gelernt für seinen Mut, für das, was er durchgemacht hat. Er ist für mich eine Art Vorbild geworden, weil er etwas erreicht am Schluss, was ich hoffentlich auch erreichen werde, obwohl ich momentan weit davon entfernt bin." Dass der Journalist sich mit der Figur des Taubenmanns derart identifizieren kann, ist aussergewöhnlich, denn Riesen war in seinem Leben weder in einem Krieg, noch in einer Boxhalle. "Der Taubenmann" sei keine Autobiografie, weder im klassischen noch im annähernden Bereich. "Wenn etwas Biografisches drin ist, dann ist es die Frage nach den Werten, die im Leben wirklich einen Wert darstellen. Das ist eine der zentralen Fragen, die ich anspreche."

Die etwas andere Entstehungsgeschichte

Obwohl ihm als Schreibenden die Journalistenbranche näher wäre, spielt die Geschichte vor allem in einer Boxhalle. Dies aus guten Grund, denn es keine ehrlichere Sportart als Boxen. "Es immer so, dass einer gewinnt und einer verliert. Boxen steht stellvertretend für den Schmerz. Entweder man ist im Ring besser oder es tut einfach nur weh. Beim Boxen gibt es ausserdem das klassische Anzählen, was die Sportart für mich zum Symbol vom Kampf und Wiederaufstehen schlechthin macht." Riesen hat sich von einem Bild zu dieser Geschichte inspirieren lassen. "Zu sehen war ein alter Mann im Park, der die Tauben füttert. Sonst war niemand da drauf. Dieses eine Bild, wie man es tagtäglich sieht, hat mich irgendwie nicht mehr losgelassen. Ich habe mich gefragt, wer die Person auf dem Bild ist. Ob der Mann einsam oder vielleicht sogar zufrieden ist mit seiner Situation. Aus der szenischen Beschreibung entstand eine Lebensgeschichte und daraus eben die Frage nach echten Werten. Da ich von Anfang an dabei war und ihn inzwischen sehr schätze, kann ich sagen, dass der Taubenmann mein Freund geworden ist. Als ich zum Schluss über seinen Tod schrieb, ist mir das sehr nahe gegangen." Der Autor freut sich, dass er sich von seiner Achtsamkeit leiten liess findet, dass noch viel mehr Leute solchen kleinen Geschichten mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. "Ich glaube, wir rennen mit einem derartigen Tempo durchs Leben, dass wir eigentlich gar nicht mehr wissen, was mir machen. Einzelbilder sind eine gute Gelegenheit, innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Das wünsche ich mir nicht nur von anderen Leuten, sondern auch von mir selber."

Lesung in Herisau

Inzwischen kommt Thomas Riesen, erzwungenermassen zu mehr Ruhe, da er mit einem Burnout zuhause sitzt. Es ist bereits sein zweites, wie der Journalist erzählt. „Es geht vielen so. Mittlerweile ist ein Burnout fast schon ein gesellschaftliches Phänomen geworden. Ich werde wie der Taubenmann machen, mich an einen Ort zurückziehen an dem ich zur Ruhe komme, wieder aufstehen und weiterkämpfen." Kreativität könne in dieser Situation auch helfen. "Schreiben ist eine gute Therapie. Ich glaube Zeit zu haben und etwas schreiben zu können, was mich gedanklich reinigt, ist sicher wertvoll. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich an meinem angefangenen Buch ‘Aus dem Leben eines Sensenmannes’ weiterarbeite, weil es ein kreativer Reinigungsprozess ist. Vielleicht gehe ich sogar weiter und schreibe ein Buch über schwarze Wolken, im Wissen, dass ein Burnout in Worten sehr schwer zu beschreiben ist. Aber falls es mir gelingen sollte, das Phänomen zu umschreiben, kann ich anderen vielleicht helfen es besser zu verstehen und selber damit umzugehen. Das wäre grandios." Wann der Schöpfer vom Taubenmann wieder zur Feder greift, ist ungewiss, was aber definitiv stattfindet, ist die Vorstellung des Buches am Freitag, 12. November 2021, im Figurentheatermuseum in Herisau. Dort wird Gastgeber Kurt Fröhlich aus der Novelle vorlesen.

Christian Imhof, Vilan24 & Qultur.ch