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Wirtschaft
26.02.2022

Aktienmärkte im Zeichen des Krieges in der Ukraine

«Die Schockwellen des Kriegsbeginns haben auch die Aktienkurse vorübergehend deutlich durchgeschüttelt», so Christopher Chandiramani. Bild: Linth24
Der Ukrainekonflikt eskalierte in den letzten Tagen. Was niemand in dieser Form und Schnelligkeit erwartete: Am Donnerstag marschierten russische Truppen von mehreren Seiten in der Ukraine ein. Schockwellen für Aktien.

Traurig, wie alle diplomatischen Bemühungen gescheitert sind, und der russische Präsident alle durch die Ostblocköffnung vor über dreissig Jahren verlorene Macht wieder zurückerobern will. Dieses Vorgehen erinnert an die Vorgänge in Ungarn im Jahre 1956, der Tschechoslowakei 1968 und den Eroberungsversuch von Irak in Bezug auf Kuwait 1990. Alles diesmal mehr als ein innersowjetisches Problem. Dies auch, weil die EU stark von russischem Öl und Gas abhängig ist. Zudem liefern Russland und frühere Sowjetrepubliken zahlreiche Rohstoffe an die Weltmärkte.

Die neue Woche startete mit grosser Nervosität an den Börsen, gefolgt von einer kurzen Erholung am Dienstag und Mittwoch. Am Donnerstag, nach Kriegsausbruch, verloren die Aktienbörsen panikartig zwischen 2.5 und 4 Prozent. Am Freitag gab es jedoch wiederum eine technische Gegenbewegung.

Auch an der Währungsfront kam es zu Turbulenzen. Der Dollar tendierte noch relativ stabil, während der Euro sich mit zeitweise 1.03 Franken dem Allzeittiefst wieder nähert (1:1) nach Aufgabe der Untergrenze im Januar 2015. Ähnliche Schwankungen gab es auch bei den Kryptowährungen.

Unternehmensnachrichten

Der Absturz an den Aktienbörsen hat nach der Invasion vor allem die Finanzwerte hart getroffen.

«Swiss Secrets»: Deutsche Journalisten enthüllten ein Datenleck bei der Credit Suisse. Informationen von zahlreichen Kunden wurden gehackt, an die Presse weitergegeben und analysiert, hauptsächlich von prominenten Ausländern. Dies liegt jedoch Jahre zurück, betrifft die Vergangenheit, als das Bankgeheimnis noch üblich war. Dennoch kamen die Aktien beider Grossbanken infolge des beschädigten Rufs stark unter Druck.

Der Zementkonzern Holcim war 2021 wiederum stark im Geschäft. Der Umsatz stieg um 16 Prozent auf CH. 26.83 Mrd., der Gewinn stieg um über ein Drittel auf CHF 2.30 Mrd. Im Vorjahr hatte Holcim wegen Corona noch einen Gewinnrückgang erlitten. Die Aktionäre profitieren von einer Dividendenerhöhung um 20 Rappen auf CHF 2.20 je Titel.

Der Rückversicherer Swiss Re hat wieder schwarze Zahlen erreicht. Swiss Re ist im vergangenen Jahr trotz Milliardenzahlungen für Naturkatastrophen und Fälle im Zusammenhang mit Corona in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Unter dem Strich gab es 2021 ein Gewinn von USD 1,44 Mrd. Der Aktienkurs sank aber infolge höherer Erwartungen.

Der Immobilienkonzern PSP Swiss Property hat im vergangenen Geschäftsjahr 2021 dank Wirtschaftserholung und Neubewertungen des Portfolios mehr verdient. Der Reingewinn stieg um mehr als das Doppelte auf CHF 595 Mio. Die Dividende wird um 10 Rappen auf CHF 3.75 je Papier angehoben.

Der Zofinger Pharmakonzern Siegfried knackt seit dem Zukauf von Teilen der Novartis die Milliarden-Grenze. Die Verkäufe nahmen im Berichtsjahr um 30.5 Prozent auf CHF 1.10 Mrd. zu.

Ebenfalls beim Computer-Logistiker, der Also-Gruppe, verlief das Geschäft gut. Der Reingewinn stieg um 19 Prozent auf CHF 154.2 EUR. Die Dividende wird erhöht auf CHF 4.30 pro Titel, 55 Rappen mehr 2020.

Bobst steigert Umsatz und Gewinn 2021 markant und zahlt Sonderdividende. Der Umsatz lag mit 1.56 Milliarden Franken um 14 Prozent über dem Vorjahr. Der Reingewinn hat sich auf 93 Millionen Franken gar mehr als verfünffacht. Das höhere Nettoergebnis sei hauptsächlich auf Einmaleffekte (Verkauf einer Liegenschaft) und niedrigere Einkommensteuern zurückzuführen. Der Aktienkurs sprang am Freitag nach dieser Nachricht um 20 Prozent in die Höhe.

Die Bank Linth und die Muttergesellschaft LLB präsentierten ebenfalls hervorragende Zahlen und erläuterten das Kaufangebot an die Aktionäre (siehe separater Bericht).

Aussichten

Die schrecklichen politischen Spiele von diktatorisch geführten Staaten sind schwer zu beurteilen.

Hingegen können wir uns ein paar analytische Gedanken machen, beispielsweise zu folgenden Fakten: Die Wirtschaftsbeziehung der Schweiz zu Russland und den Nachbarstaaten ist wichtig, aber nicht systemrelevant. Die westlichen Staaten werden zum Teil harte Sanktionen gegen die Russen aussprechen. Eine zumindest vorübergehende starke Verteuerung der Öl- und Gaspreise ist bereits im Gang und dürfte Budgets belasten. Der Zahlungsverkehr mit Russland wird erschwert, ebenso der ganze Kapital-, Personen- und Güterverkehr. Russland wird von westlichen Kredit-Fazilitäten ausgeschlossen. Die Russen besitzen weniger Know-how bezüglich Technologie (Software, Chips- und Halbleiter). Die USA und der Ferne Osten sind hier besser. Dadurch wird die russische Wirtschaft gebremst. Leider ist mit mehr Flüchtlingen aus den Krisengebieten zu rechnen.

Auf der anderen Seite gibt es auch positive Nachrichten: der Exportrekord der Schweizer Industrie, abnehmende Arbeitslosigkeit, starke Steigerung der Unternehmensgewinne und Dividendenerhöhungen betreffend Aktien. Nicht zuletzt müssen auch die Notenbanken über die Bücher. Wenn wiederum mehr Liquidität in die Märkte gepumpt werden muss, um das Finanzsystem zu stabilisieren, könnten die angekündigten Leitzinserhöhungen verschoben werden.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Herisau24