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02.01.2022
03.01.2022 10:37 Uhr

"Ringier-CEO Marc Walder manipuliert seine Redaktionen"

Dr. Gut deckt auf: Unabhängiger Journalismus am Ende. Ringier-Konzernchef Marc Walder verordnet seinen Redaktionen zu Corona staatstreue Berichterstattung. Bild: Luzerner Zeitung / Linth24
Viele Leserinnen und Leser fragen sich schon lange: Werden die Medien von oben gesteuert? Jetzt zeigt ein Geheimvideo, dass dem so ist: Ringier-CEO Marc Walder hat seinen Redaktionen zu Corona weltweit Regierungstreue verordnet.
  • Kolumne von Dr. Philipp Gut

In der Schweiz ist es bekannt: Die Ringier-Medien, allen voran die Blick-Gruppe, sind rund um Corona das Megafon des Staates. Zwischen dem Ringier-Verlag und Gesundheitsminister Alain Berset scheint eine Standleitung zu bestehen. Auch in anderen Ländern, wo Ringier tätig ist, sucht man kritische Berichte vergebens.

Wer steuert die Redaktionen?

Viele fragen sich: Liegt es einfach daran, dass die Journalisten freiwillig mit dem Strom schwimmen? Oder sind die Redaktionen gesteuert?
Ich muss gestehen, dass ich bisher immer die erste These vertreten habe. Die zweite – nennen wir sie die Marionettenthese – klang für mich nach Verschwörungstheorie. Mächtige Männer im Hintergrund sollen den Journalisten vorschreiben, wie sie zu berichten haben? Ich hielt das für abwegig.

Das für unmöglich Gehaltene ist Tatsache

Doch jetzt kommt aus: Zumindest im Falle von Ringier werden die Redaktionen von oben gesteuert. Und das ist belegt: In einem im kleinen Kreis aufgenommenen Video spricht Marc Walder, CEO und Managing Partner der Ringier AG, das für unmöglich Gehaltene aus. Er sagt sinngemäss, dass er seine Redaktionen weltweit angewiesen hat, auf Kritik an der offiziellen Corona-Politik zu verzichten und stattdessen einen Regierungskurs zu fahren.

«Wir wollen die Regierung unterstützen»

Die entsprechenden Aussagen machte Walder am 3. Februar 2021 im Rahmen der Gesprächsreihe «Inspirational Talk» der Schweizerischen Management Gesellschaft (Zum Video: www.youtube.ch). «Wo sehen Sie grundsätzlich die Aufgabe der Medien in der Pandemie?», wollte ein Gesprächsteilnehmer wissen.
Darauf Walder: «Wir hatten in allen Ländern, wo wir tätig sind – und da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt – auf meine Initiative hin gesagt: Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung …»
Walder war offenbar bewusst, dass dieses Bekenntnis seines Eingriffs in die Redaktionsfreiheit Sprengstoff birgt («da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt»), denn er fährt fort: «Das mag Sie jetzt überraschen, aber ich will es an einem Beispiel festmachen.» Walder nennt als Musterbeispiel einer Redaktion, die seinen Appell zur Regierungstreue brav umsetzt, die Blick-Gruppe.

Regierungspropaganda statt Journalismus

Walder weiter: «Wir müssen versuchen, dass die Politik, ob sie jetzt genug schnell, genug hart, zu wenig hart usw. agiert, das Volk nicht verliert. Und hier dürfen die Medien nicht einen Keil treiben zwischen der Gesellschaft und der Regierung.»
Als Journalist und Bürger eines demokratischen Staates läuft es mir bei diesen Sätzen kalt den Rücken runter. Solch unverfrorene Komplizenschaft zwischen Staats- und Medienmacht kennt man sonst nur aus autoritären Regimes. Verblüfft nehmen wir zur Kenntnis: Der Medienkonzern Ringier schafft sich als kritische Instanz selbst ab und macht statt Journalismus PR für die Regierung.

«Redaktionen und Konzernleitung tauschen sich konstant aus»

Wir haben Marc Walder mit seiner Direktive konfrontiert. Die Frage, ob diese inhaltliche Vorgabe des Managements an die Redaktionen nicht deren journalistischer Freiheit widerspreche, lässt er durch eine Ringier-Sprecherin mit «Nein» beantworten. «Zwischen Marc Walder und vielen Chefredaktorinnen und Chefredaktoren der Ringier-Gruppe findet seit vielen Jahren ein konstanter und konstruktiver Dialog statt.» So kann man das auch nennen.

Ausserdem wollten wir von Walder wissen, ob es im Hause Ringier üblich sei, dass den Redaktionen vorgeschrieben wird, wie sie zu schreiben haben. Antwort Ringier: «Die Redaktionen und Mitglieder der Konzernleitung, insbesondere CEO Marc Walder, Ladina Heimgartner als globale Leiterin Medien und Alexander Theobald als CEO von Ringier Axel Springer Schweiz, tauschen sich konstant aus. Die Verantwortung und Hoheit der publizistischen Berichterstattung liegt stets bei den Redaktionen.»

Keine Antwort auf staatspolitische Grundfrage

Schliesslich stellten wir Walder die staatspolitische Grundfrage: Wie sollen die Medien ihre Aufgabe als vierte Macht im Staat wahrnehmen, wenn sie die Regierung unterstützen müssen? Und wie soll man die Medien noch als glaubwürdig und unabhängig wahrnehmen? Darauf gehen Walder und Ringier nicht ein und behaupten entgegen den vorliegenden Video-Aufnahmen, also entgegen den Fakten, dass die Ringier-Gruppe «die Massnahmen der Regierung – gerade während dieser Pandemie – stets kritisch hinterfragt» habe. 

Neues Mediengesetz: Noch mehr staatsabhängiger Journalismus

Zusätzliche Brisanz erhält der Befehl von Ringier-Chef Walder an seine Redaktionen vor dem Hintergrund der Volksabstimmung über das «Massnahmenpaket zugunsten der Medien», über das am 13. Februar abgestimmt wird. Das neue Mediengesetz sieht eine Vervielfachung der Subventionen an private Medien von heute jährlich 53 auf 178 Millionen Franken vor. Damit bindet der Staat die Medien noch enger an sich. Ringier würde zu den Hauptprofiteuren der Staatssubventionen zählen, denn rund 70 Prozent davon gehen an die Schweizer Grossverlage. Der Anreiz, staatsunabhängigen Journalismus zu machen, dürfte, wenn die Medien noch mehr Staatsgeld erhalten, gegen Null tendieren. Auch deshalb ist das verfehlte neue Mediengesetz abzulehnen. (www.medien-massnahmenpaket-nein.ch)

Dr. Philipp Gut schreibt auf dem Online-Verbund von Portal24 jede Woche eine Kolumne, die auf den 15 dem Verbund angeschlossenen Portalen jeden Sonntagmorgen publiziert wird. Seine Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.

Philipp Gut ist Historiker, Bestsellerautor («Jahrhundertzeuge Ben Ferencz») und einer der profiliertesten Journalisten der Schweiz. Mit seiner Kommunikationsagentur Gut Communications GmbH berät er Unternehmen, Organisationen und Persönlichkeiten. Zudem ist er Geschäftsführer des Abstimmungskomitees medien-massnahmenpaket-nein.ch

www.gut-communications.ch

Dr. Philipp Gut, Kolumnist Herisau24